Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
InstagramRSSPrint

Unsere Geschichte

1878 ließen Sophie und Adolph Loesche, ein Ehepaar aus dem Berliner Großbürgertum, das Waisenhaus „Zoar“ auf dem Gelände der Borsigstraße 5 errichten. Ihre Arbeit zielte auf die bestmögliche Ausbildung und christliche Bildung von Waisenmädchen und weiblichen Angestellten, um deren soziale Situation zu verbessern. Ab 1882 wurde die Arbeit von Pfarrer Johannes Burckhardt weitergeführt und erheblich ausgeweitet. Nach Plänen von Regierungsbaumeisters Otto March entstand das Marienheim I als sozial-diakonisches Zentrum für alleinstehende Frauen mit Wohnheim, Haushaltsschule und Stellenvermittlung. Das Marienheim bot unterschiedliche Wohnmöglichkeiten an: einen Schlafsaal mit etwa 20 Betten, elf Vierbettzimmer, elf Doppelzimmer und vierzehn Einzelzimmer, insgesamt etwa 100 Plätze, deren Preise gestaffelt waren. Besonders erfolgreich war der Mittagtisch. 1893 kamen täglich rund 40-45 auswärtige Gäste hierher und erhielten ein preiswertes Mittagessen. Zudem war hier die erste Bahnhofsmission in Deutschland untergebracht. In der von Sophie Loesche und Johannes Burckhardt herausgegebenen Deutschen Mädchenzeitung heißt es 1883: "Die Bahnhofsmission warnt vor dem leichtisinnigen Zuzug zur Großstadt und entsendet zu den Quartalszeiten ihre Helferinnen... Auf Wunsch begleiten sie die Ratlosen an ihren Besimmungsort oder in ein Heim, halten unsaubere Elemente möglichst fern von ihnen." In der evangelischen Verbandstätigkeit für junge Frauen setzte das innovationsreiche Wirken Burckhardts damit Maßstäbe.

Seit 1895 war der "Verein zur Fürsorge für die weibliche Jugend" Eigentümer der Borsigstraße 5. Das wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg dort eingerichtete Studentenheim wurde am 21.12.1920 vom Verein für die Fürsorge für die weibliche Jugend an den Geschäftsführenden Verein der Deutschen Christlichen Studenten-Vereinigung (DCSV) übertragen.

In einem Studentenhandbuch aus dem Jahr 1932 heißt es: „N 4, Borsigstraße 5. Eigentum der Berliner Stadtsynode. 50 Zimmer mit 50 bis 60 Betten (es können ungefähr 10 Zimmer mit 2 Betten belegt werden). 5 Badezimmer im Hause. Monatlicher Mietpreis für Einzelzimmer 20 bis 30 RM, für zweibettige Zimmer insgesamt 38 bis 42 RM einschließlich Bedienung und Bad. Für elektrisches Licht sind 2 RM im Monat zu zahlen. Aufgenommen werden nur evangelische Männer, in den Ferien auch Akademiker anderer Konfessionen. Die Zimmer werden stets für ein ganzes Semester vermietet, in den Ferien auch tageweise für je 1,50 RM. Das Heim hat Lesezimmer, Wäscherei, kleine Bücherei, Klavier, Harmonium. Die Bewegungsfreiheit ist in keiner Weise eingeschränkt. Der Fußweg zur Universität beträgt ungefähr 15 Minuten.“ Daneben befand sich in der Borsigstraße 5 noch eine Studendenspeisung. Georg Michaelis, viele Jahre Vorsitzender des DCSV, erinnerte sich: „In einer großen Speiseanstalt essen bis zu fünfhundert Studenten zu Mittag und zwei- bis dreihundert zu Abend. Die Preise sind selbstverständlich auf das billigste eingestellt und sollen nur die Selbstkosten decken.“ Die Kosten wurden durch den Hotelbetrieb des Hospiz des Nordens und Spenden der amerikanischen Quäcker aufgebracht.

Schon 1928, also 10 Jahre vor der Auflösung des DCSV durch die Nationalsozialisten, wurde das Grundstück dem Berliner Stadtsynodalverband überschrieben. Die Gründe dafür bleiben unklar. Der Berliner Stadtsynodalverband fungierte jedoch lediglich als Besitzer und überließ die Nutzung anderen Betreibern. Die erste unentgeltliche Nutznießung erfolgte zugunsten der benachbarten Golgatha-Gemeinde ab 1928. Eine wirtschaftlich erfolgreiche Nutzung des Studentenheimes und des Hospizes scheint der Gemeinde über die Jahre indes nicht gelungen zu sein. Nachfolger der Golgatha-Gemeinde als Nutzer wurde ab 1941 der "Evangelische Verein für soziale Zwecke". In einem undatierten Schreiben des Vereinsvorsitzenden Bahrfeldt aus der Nachkriegszeit heißt es zu diesem Nutzerwechsel: „Die Golgatha-Kirchengemeinde hatte seit Mitte der zwanziger Jahre das Studentenheim betrieben. Es befand sich im Frühjahr 1941 in einem derart heruntergekommenen Zustand, dass eine Fortsetzung des Betriebes nicht mehr möglich war." Die Nutzung als Studentenheim gelang allerdings auch dem Evangelischen Verein, zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht, nur teilweise. 

Während des 2. Weltkrieges wurde das Gebäude teilweise zerstört. In einem Bericht vom Dezember 1943 heißt es zu den Schäden: „Von den 72 Zimmern sind völlig ausgebrannt 28 Zimmer, ferner das Musik-, Lesezimmer, Büro und die ehem. Portierloge. Die im Sophienstift stehen gebliebenen Räume sind nun nicht mehr heizbar. […] es ist das Inventar der vorstehenden Zimmer vollständig ausgebrannt […]. Da hiernach ein erheblicher Teil des Studentenheimes nicht mehr benutzbar ist, ersuchen wir um entsprechende Herabsetzung der Miete und Heizkosten.“

1950 richtete die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg auf dem Gelände das so genannte Sprachenkonvikt ein. Dieses bestand bis zur Fusion mit der Theologischen Fakultät und der kirchlichen Hochschule Zehlendorf im Jahr 1991 an dieser Stelle. Die Landeskirche verfolgte mit der Gründung die Absicht eine Stätte freier Ausbildung für Theologinnen und Theologen in Ost-Berlin zu schaffen. Da man Aufsehen bei den politisch Verantwortlichen vermeiden wollte, wurde die Einrichtung „Sprachenkonvikt“ genannt. Der Name sollte den Behörden signalisieren, dass hier allein die alten Sprachen zur Vorbereitung auf das Theologiestudium gelernt werden. Der Lehrkörper setzte sich bis zum Mauerbau 1961 zusammen aus Professoren der Kirchlichen Hochschule Zehlendorf im Westteil der Stadt und der Theologischen Fakultät der Humboldt Universität. Ein eigenes Kollegium gab es zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Durch den Mauerbau am 13. August 1961 konnte die etablierte Zusammenarbeit mit der Kirchlichen Hochschule Zehlendorf nicht fortgeführt werden. Der Ausbau zur eigenen Hochschule wurde dringend, damit Pfarrerinnen und Pfarrer ohne politischen Druck durch staatliche Stellen ausgebildet werden konnten, denn viele der Bewerberinnen und Bewerber konnten aufgrund ihrer sozialen Herkunft oder politischen Haltung nicht an staatlichen Hochschulen studieren oder nicht einmal das Abitur ablegen. Im März 1962 wurde beschlossen, dass das Sprachenkonvikt als „selbstständige akademisch-theologische Ausbildungsstätte“ weitergeführt werden sollte. In den folgenden Jahren erhielten zwischen 100 und 140 Studierende gleichzeitig am Sprachenkonvikt eine fundierte theologische Ausbildung ohne staatliche Bevormundung.

Dank dieses intellektuellen Freiraums und dank der innerkirchlicher Demokratie wurde das Sprachenkonvikt in den 1980er Jahren zu einer Schule der Demokratie und zu einem der intellektuellen Zentren kritischen Denkens in der DDR. So wurden etwa Wolfgang Ullmanns Vorlesungen zur Weltgeschichte auch von vielen Externen besucht, die über den marxistisch-leninistischen Tellerrand schauen wollten. Bereits Ende der 70er Jahre gründeten Markus Meckel und Martin Gutzeit den so genannten "Hegel-Kreis", der von der Staatsicherheit beobachtet wurde. Neben theologisch unabhängigen Studien bot das Haus auch Kultur- und Theaterveranstaltungen wie dem freien Theater Zinnober ein Dach. Sowohl die Initiatoren der Sozialdemokratischen Partei in der DDR (SDP), unter ihnen Martin Gutzeit und Markus Meckel, wie auch der Bürgerbewegung »Demokratie jetzt« um den Kirchenhistoriker am Sprachenkonvikt Wolfgang Ullmann waren eng mit dem Sprachenkonvikt verbunden.

Nach der Fusion des Sprachenkonvikts mit der Kirchlichen Hochschule Berlin-West und der Theologischen Fakultat der Humboldt-Universität im Jahr 1991 wurde das Theologische Konvikt  bis 2018 als Studierendenwohnheim in der Trägerschaft der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz betrieben. Am 1. April 2018 haben die Landeskirche und die Hilfswerk-Siedlung GmbH (HWS), ein Wohnungsbauunternehmen der Evangelischen Kirche, einen Erbbaurechtsvertrag über 60 Jahre geschlossen, der die Sanierung und die Vermietung des Hauses beinhaltet. Das Haus soll in den nächsten Jahren grundlegend saniert und auf mehr als 100 Wohnheimplätze erweitert werden. Das Konviktsleben wird durch den Verein "Gemeinschaft des Theologischen Konvikts Berlin e.V." und die Stelle des Ephorus/ der Ephora sowie durch das Engagement der Bewohner_innen weitergeführt.

Letzte Änderung am: 12.05.2020